• 18-OCT-2016

Algen: Von der Hausfassade zum Sternekoch


Algen gelten als der Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Es wird geschätzt, dass es rund 73 000 verschiedenen Algensorten gibt - die wenigsten davon, wissenschaftlich erforscht. Die größten "Algenproduzenten" sind im asiatischen Raum zu Hause. Es sind China, Indonesien und die Philippinen. In Europa liegt Frankreich mit rund 90 000 Tonnen Algenproduktion an der Spitze. Zum größten Teil handelt es sich hierbei um Algen aus Aquakulturen oder Algenfarmen. 

In Berlin ist das anders: Mitten in Berlin, an einer grauen Hausfassade, wachsen Algen. Auf dem Euref-Campus in Schöneberg steht eine Anlage, in der Algen für die Lebensmittelindustrie gezüchtet werden. Algen und Lebensmittel - zumindest für uns in Europa, trotz Sushi, immer noch eine gewöhnungsbedürftige Vorstellung. Dabei werden Algen bereits als Bindemittel für Puddinge, Eis oder Joghurt eingesetzt. Auch in Kosmetik oder in Zahnpasta finden sie Verwendung und ersetzen dort das teure Biokarotin. 

In Berlin aber wachsen die Algen dort, wo sonst nichts wachsen kann - in insgesamt 700 m langen, an einer Hausfassade angebrachten Plastik-Rohren. Die Mikroalgen benötigen lediglich Sonne und Kohlendioxid zum Überleben.

Die urbane Berliner Anlage wirft jeden Tag 1 kg an Algen ab. Alle zwei Wochen wird geerntet. Ab Herbst ist aber dann Schluss, da hat Berlin einfach zu wenig Sonne, um noch Algen produzieren zu können. Nach der Ernte landen die Mikroalgen in einer Zentrifuge, in der sie vom Wasser getrennt werden. Das Ernteergebnis ist eine glibberig grüne Algenpaste, die anschließend getrocknet wird.

"Angebaut" und geerntet werden die Berliner Algen vom Dresdner Startup "MINT-Microalgae Intergration Engineering GmbH". MINT ist ein Anbieter von Photobioreaktoren für Mikroalgen und betreibt das Berliner Projekt als Investition in die Zukunft. Auch in eine Lebensmittelzukunft, wie der Geschäftsführer Gunnar Mühlstädt sagt. Denn mit Algen könnte man das Problem der Unterversorgung mit Protein in vielen Ländern lösen, so Gunnar Mühlstädt weiter. 

Algen sind nämlich auch außerordentlich proteinreich, bilden Omega-3-Fettsäuren aus und enthalten Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Deshalb werden die beiden Berliner Sorten, die Chlorella vulgaris und die Spirulina platensis, im EUREF-Campus-eigenen Restaurant weiterverarbeitet und angeboten. Dort wartet nämlich der Sternekoch Thomas Kammeier auf die Algenlieferung und probiert aus, wie man sie in der Küche verarbeiten kann: momentan vor allem als Smoothies und als Saucen. Die Campus-Gäste sind aufgeschlossen und Sternekoch Thomas Kammeier noch nicht am Ende seiner Probephase. Nur muss er jetzt wieder auf den Frühing warten, bis auch in Berlin die Sonne wieder scheint.